Im Herzen Chinas, in der Provinz Chongqing, liegt eine Stadt, die seit Jahrhunderten von Mythen und Legenden umgeben ist: Fengdu, die Geisterstadt. Sie ist keine gewöhnliche Stadt, sondern ein Ort, der tief in der chinesischen Mythologie und dem Volksglauben verwurzelt ist. Seit über 2.000 Jahren gilt Fengdu als das Tor zur Unterwelt, der Ort, an dem die Seelen der Toten gerichtet werden. Durch ihre Lage am Ming-Berg am Ufer des Jangtse-Flusses sowie die unzähligen Tempel, Statuen und Skulpturen, die das Konzept des Jenseits in der chinesischen Kultur darstellen, zieht die Geisterstadt zahlreiche Besucher an. Viele kommen, um die düstere Atmosphäre zu erleben und einen Einblick in die mystischen Bräuche Chinas zu gewinnen.

Die Ursprünge der Geisterstadt
Die Geschichte von Fengdu geht auf die Han-Dynastie zurück, etwa um 206 v. Chr. In dieser Zeit breitete sich der taoistische Glaube, der sich stark mit dem Leben nach dem Tod und der Existenz einer spirituellen Welt beschäftigte, über weite Teile Chinas aus. Laut einer Legende verließen zwei taoistische Mönche, Yin Changsheng und Wang Fangping, das alltägliche Leben und zogen sich auf den Ming-Berg zurück, um ein Leben der Askese zu führen und Unsterblichkeit zu erlangen. Im Laufe der Zeit wurde der Name des Berges, "Ming", der auch als "Höllenreich" übersetzt werden kann, mit dem Jenseits in Verbindung gebracht. So wurde der Glaube genährt, dass Fengdu der Ort sei, an dem die Seelen nach dem Tod hingingen, um gerichtet zu werden.
Der Name „Fengdu“ wird in zwei Zeichen zerlegt: „Feng“ bedeutet „Verschlossenheit“ oder „Abgeschlossenheit“, während „Du“ für „Stadt“ oder „Hauptstadt“ steht. Diese Kombination wurde im Volksglauben als Stadt der Toten oder Hauptstadt der Unterwelt interpretiert.
Die Verbindung zum Jenseits
Die Vorstellung, dass Fengdu eine Verbindung zur Unterwelt darstellt, ist tief in der chinesischen Philosophie und Religion verwurzelt. Der Taoismus und der Buddhismus spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Legenden rund um Fengdu. Beide Religionen enthalten starke Überzeugungen über das Leben nach dem Tod, das Konzept des Karma und die Idee eines himmlischen und eines höllischen Reiches.
Nach taoistischer und buddhistischer Überlieferung durchläuft die Seele eines Verstorbenen nach dem Tod mehrere Prüfungen und Bestrafungen, bevor sie in das Reich der Reinkarnation eintreten kann. Fengdu wurde in den Überlieferungen als Zwischenstation für diese Seelen dargestellt – eine Art Gerichtshof, in dem die Geister der Toten ihre Taten im Leben rechtfertigen müssen. Die Stadt wird oft als ein düsterer und furchteinflößender Ort beschrieben, bevölkert von Dämonen und Geistern, die darauf warten, die Seelen der Verstorbenen zu bestrafen oder sie durch Prüfungen zu leiten.
Tempel und Bauwerke: Symbole des Jenseits
Eine der eindrucksvollsten Attraktionen von Fengdu sind die unzähligen Tempel und monumentalen Bauwerke, die das Konzept des Todes und des Lebens nach dem Tod darstellen. Die Architektur und Skulpturen sind reich an symbolischen Darstellungen der Unterwelt und der Prüfungen, die eine Seele durchlaufen muss.
Die berühmteste Struktur ist der „Halle des Königs der Hölle“. Diese Halle stellt die letzte Gerichtsstätte für die Seelen der Toten dar. In der chinesischen Mythologie gibt es zehn Könige der Hölle, und die Halle ist dem ersten dieser Könige gewidmet, Yama, der Herrscher über das Leben nach dem Tod. Im Inneren der Halle finden sich Darstellungen von Folterszenen und Bestrafungen, die jenen widerfahren, die im Leben sündhaft waren. Diese Visualisierungen sollen nicht nur den Glauben an das Jenseits veranschaulichen, sondern auch als moralische Lehre dienen, um die Menschen zu einem gerechten und tugendhaften Leben zu ermahnen.
Ein weiteres markantes Bauwerk ist die „Brücke des Nichts“. Diese steinerne Brücke, die über einen schmalen Abgrund führt, ist ein entscheidendes Symbol in der Unterwelt von Fengdu. Nach dem Tod müssen die Seelen diese Brücke überqueren, aber nur die Tugendhaften können dies erfolgreich tun. Diejenigen, die im Leben schlecht gehandelt haben, werden von Dämonen in die Tiefe gezogen und bestraft. Dies ist ein weiteres Beispiel für die tief verwurzelten moralischen Lehren, die mit der Stadt verbunden sind.
Die „Halle der Unsterblichkeit“ ist ein weiterer bedeutender Tempel in Fengdu. Dieser Tempel ist den taoistischen Mönchen Yin und Wang gewidmet, die als Gründer der Stadt gelten. Besucher des Tempels sollen hier erkennen, dass das Streben nach Unsterblichkeit mit innerer Reinheit und spirituellem Fortschritt verbunden ist, was ein zentrales Konzept im Taoismus darstellt.
Skulpturen und Symbole: Die Herrscher der Unterwelt
Fengdu ist auch für seine unzähligen Statuen und Skulpturen bekannt, die Geister, Dämonen und andere Wesen der Unterwelt darstellen. Diese Figuren, oft grotesk und furchteinflößend, verkörpern die Prüfungen und Strafen, die die Seelen durchlaufen müssen.
Die „Drei Prüfungen“, die ein Besucher von Fengdu durchlaufen soll, sind zentrale Themen, die in den Skulpturen und Kunstwerken dargestellt werden. Die erste Prüfung ist die Überquerung der „Brücke des Nichts“, wie bereits erwähnt. Die zweite Prüfung besteht darin, das Gleichgewicht auf einem Stein zu halten, um die Tugend und Standhaftigkeit einer Person zu testen. Die dritte Prüfung ist eine verbale Konfrontation mit dem König der Hölle, bei der die Seele für ihre Handlungen im Leben verantwortlich gemacht wird. Diese Prüfungen sollen die Reinheit und Tugendhaftigkeit einer Seele prüfen, bevor sie weiterreisen darf.
Eine der beeindruckendsten Skulpturen in Fengdu ist die riesige Statue des „Königs der Hölle“, die auf einem Hügel thront und die Stadt überblickt. Diese Statue symbolisiert die Macht des Todes und die endgültige Kontrolle über die Seelen der Verstorbenen. Mit finsterem Ausdruck und einem furchteinflößenden Blick soll sie die Bedeutung der moralischen Lehren unterstreichen, die mit dem Besuch von Fengdu verbunden sind.
Fengdu im Wandel der Zeit
Obwohl Fengdu als mystischer und spiritueller Ort erhalten blieb, hat die Stadt im Laufe der Jahrhunderte viele Veränderungen erfahren. Besonders in der modernen Zeit, als der Drei-Schluchten-Damm-Projekt am Jangtse-Fluss in den 1990er Jahren begann, hat sich die Landschaft von Fengdu stark verändert. Der Bau des Staudamms führte dazu, dass große Teile der ursprünglichen Stadt unter Wasser gesetzt wurden, und die Bevölkerung musste umgesiedelt werden. Glücklicherweise befinden sich viele der wichtigsten Tempel und historischen Stätten auf höheren Ebenen des Ming-Berges und blieben somit von den Fluten verschont.
Mit dem Aufstieg des Tourismus wurde Fengdu zu einem beliebten Reiseziel für Menschen, die sich für Chinas spirituelle und kulturelle Geschichte interessieren. Besucher aus aller Welt kommen, um die Geisterstadt zu erleben und die jahrtausendealten Legenden zu erkunden. Heute ist Fengdu nicht nur ein Ort der Mythen und des Aberglaubens, sondern auch ein bedeutendes kulturelles Erbe, das einen tiefen Einblick in die chinesische Sicht auf Leben, Tod und das Jenseits bietet.
Der kulturelle Einfluss von Fengdu
Fengdu hat nicht nur als religiöser Ort, sondern auch als kulturelles Symbol in der chinesischen Geschichte überlebt. Die Legenden von Fengdu und die Vorstellungen über das Jenseits haben Einfluss auf die chinesische Literatur, Kunst und sogar die Volksfeste gehabt. Besonders während des „Geisterfestes“, das jährlich im siebten Monat des chinesischen Mondkalenders gefeiert wird, kommen die Mythen von Fengdu stark zum Vorschein. Es wird geglaubt, dass in diesem Monat die Tore zur Unterwelt geöffnet werden und die Geister der Verstorbenen auf die Erde zurückkehren. Familien bieten dann Opfergaben für ihre verstorbenen Angehörigen an und hoffen, deren Seelen Frieden zu bringen.
Die Rolle Fengdus als Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten hat dazu beigetragen, die Vorstellung des „Karmas“ in der chinesischen Kultur zu stärken.
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