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Die kuriose Welt der Horrorfilme: Warum wir das Fürchten lieben – oder meiden

  • Autorenbild: Marie Laveau
    Marie Laveau
  • 26. Sept. 2024
  • 6 Min. Lesezeit

Horrorfilme sind seit jeher ein polarisierendes Genre. Während manche von ihnen wie magisch angezogen werden, rümpfen andere allein bei der Vorstellung daran die Nase. Aber was steckt hinter dieser Anziehungskraft des Schreckens? Warum wählen Menschen bewusst das Gefühl der Angst aus, während andere solche Filme meiden? Der Reiz von Horrorfilmen ist tief in unserer Psyche verwurzelt, und zahlreiche wissenschaftliche Studien beleuchten die Faktoren, die diese Faszination auslösen. Dieser Artikel geht den psychologischen und kulturellen Wurzeln auf den Grund und erklärt, warum Horrorfilme nicht nur ein Nervenkitzel sind, sondern uns auch einiges über uns selbst verraten.


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Der Reiz des Grauens: Warum Menschen Horror lieben


Kontrollierte Angst in einer sicheren Umgebung


Einer der Hauptgründe, warum Menschen Horrorfilme genießen, ist die Möglichkeit, Angst in einem sicheren Umfeld zu erleben. Im Kino oder auf dem heimischen Sofa wissen die Zuschauer, dass sie sich nicht wirklich in Gefahr befinden – und genau das macht den Reiz aus. Sie erleben starke emotionale Reaktionen, ohne jemals tatsächlich bedroht zu sein. Diese „kontrollierte Angst“ schafft eine Plattform, auf der intensive Gefühle ausgelöst und zugleich in sicherem Abstand gehalten werden.


Laut einer Studie des amerikanischen Kommunikationsforschers Dolf Zillmann aus den 1970er Jahren geht die Faszination für Horrorfilme auf die sogenannte „Erregungstransfertheorie“ zurück. Demnach erleben Menschen beim Betrachten von angsteinflößenden Szenen nicht nur Furcht, sondern auch positive emotionale Reaktionen. Diese Mischung aus Angst und Erleichterung nach der Auflösung der Spannung kann dazu führen, dass Zuschauer das Gefühl der Belohnung empfinden. Sie haben eine stressige Erfahrung gemeistert – und genießen den Adrenalinkick, den Horrorfilme bieten.


Das Spiel mit der menschlichen Neugier


Horrorfilme sprechen auch unser Bedürfnis nach dem Unbekannten an. Wie Psychologen bereits seit langem wissen, reizt uns das Mysteriöse und Unerklärliche. Horrorfilme spielen gezielt mit dieser menschlichen Neugier auf das Verbotene und das Fremde. Ein bekanntes psychologisches Konzept, das hier greift, ist das „Sensation Seeking“, das Bedürfnis nach neuen, intensiven Reizen.


Studien haben gezeigt, dass Menschen, die hohe Werte im „Sensation Seeking“ aufweisen, besonders anfällig für den Reiz von Horrorfilmen sind. Sie suchen nach aufregenden und außergewöhnlichen Erfahrungen, die sie emotional herausfordern. Diese Menschen sind oft risikofreudig und abenteuerlustig und genießen es, ihre Grenzen zu testen – sei es im echten Leben oder auf der Leinwand.


Der „Katalysator“-Effekt: Emotionale Entladung durch Horror


Ein weiterer psychologischer Effekt, der die Faszination für Horrorfilme erklärt, ist der sogenannte „Katharsis“-Effekt. Dieses Konzept stammt aus der Antike und beschreibt die Reinigung von Emotionen durch das Erleben von intensiven Gefühlen. Horrorfilme bieten dem Zuschauer eine Möglichkeit, tiefsitzende Ängste und Spannungen zu verarbeiten, ohne diese in der realen Welt erleben zu müssen.


Laut einer aktuellen Studie von Daphne G. S. de Lange an der University of Westminster kann das Anschauen von Horrorfilmen eine Art emotionale Reinigung hervorrufen. Die Zuschauer setzen sich ihren Ängsten aus, was paradoxerweise zu einem Gefühl der Erleichterung führt, sobald der Film vorbei ist. Dieser Effekt erklärt, warum viele Menschen nach einem intensiven Horrorfilm entspannt und zufrieden aus dem Kino kommen – und oft wieder auf der Suche nach dem nächsten Nervenkitzel sind.


Wer liebt Horrorfilme? Persönlichkeitstypen und psychologische Hintergründe


Offenheit für neue Erfahrungen


Nicht jeder genießt den Nervenkitzel, den Horrorfilme bieten. Studien zeigen, dass Menschen, die Horrorfilme mögen, oft bestimmte Persönlichkeitseigenschaften aufweisen. Eine dieser Eigenschaften ist die Offenheit für neue Erfahrungen. Menschen, die in dieser Dimension der Persönlichkeit hohe Werte haben, sind oft neugierig und abenteuerlustig. Sie sind bereit, sich auf neue und ungewöhnliche Erlebnisse einzulassen, was Horrorfilme zu einem perfekten Medium für sie macht.


Laut einer Studie von Marvin Zuckerman, einem Pionier auf dem Gebiet der Persönlichkeitspsychologie, neigen Menschen mit einer hohen Offenheit für neue Erfahrungen dazu, Filme zu bevorzugen, die emotionale Intensität und unkonventionelle Themen bieten. Horrorfilme bieten genau diese Mischung, indem sie verstörende, erschreckende und oft bizarre Szenarien präsentieren, die das Bekannte in Frage stellen.


Sensation Seeking: Auf der Suche nach dem Adrenalinkick


Ein weiteres zentrales Persönlichkeitsmerkmal, das Horrorfilm-Fans kennzeichnet, ist das bereits erwähnte „Sensation Seeking“. Diese Menschen haben eine erhöhte Toleranz gegenüber intensiven Reizen und suchen oft nach aufregenden oder sogar riskanten Erfahrungen. In einer Studie von Glenn Sparks und Will Miller aus dem Jahr 2016 wurde festgestellt, dass Menschen mit hohem „Sensation Seeking“ eine höhere Affinität zu Horrorfilmen haben, da diese Filme ihnen den nötigen Nervenkitzel und die emotionalen Höhepunkte bieten.


Diese Menschen finden es aufregend, sich in eine Situation zu begeben, in der sie Angst empfinden, jedoch gleichzeitig wissen, dass sie jederzeit aufhören können, wenn es zu viel wird. Für sie sind Horrorfilme eine Möglichkeit, das Unbekannte zu erkunden, ohne sich realen Gefahren auszusetzen.


Emotional intelligente Zuschauer


Interessanterweise haben Horrorfilm-Fans häufig auch eine hohe emotionale Intelligenz. Diese Fähigkeit, die eigenen Emotionen und die von anderen zu erkennen und zu regulieren, ermöglicht es ihnen, die Spannung und den Schrecken eines Horrorfilms zu genießen, ohne davon überwältigt zu werden.


Eine Studie der University of California, Berkeley, zeigte, dass Menschen mit hohem emotionalen Intellekt in der Lage sind, sich tief in die Charaktere und deren Konflikte hineinzuversetzen, was es ihnen ermöglicht, Horrorfilme als eine Art emotionales Abenteuer zu erleben. Sie können die emotionalen Spannungen eines Films verarbeiten und schätzen die kunstvolle Darstellung von Angst und Schrecken, ohne sich dabei verloren zu fühlen.


Kulturelle Unterschiede: Was Horror in verschiedenen Ländern bedeutet


Horrorfilme sind weltweit beliebt, doch die Art und Weise, wie sie produziert und wahrgenommen werden, unterscheidet sich stark von Land zu Land. Kulturelle Normen und Ängste spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Geschichten und der emotionalen Resonanz von Horrorfilmen.


Japanischer Horror: Tiefe, Spiritualität und psychologischer Schrecken


In Ländern wie Japan, wo Horrorfilme besonders populär sind, greifen Filme oft auf alte Mythen und Geistergeschichten zurück, die tief in der Folklore verankert sind. Filme wie „Ringu“ und „Ju-on“ spielen mit kulturellen Ängsten vor dem Unbekannten und dem Übernatürlichen. Diese Filme schaffen eine subtile, oft psychologisch geprägte Atmosphäre, die den Zuschauer in ein Netz aus Angst und Schrecken zieht, ohne auf blutige Schockeffekte zurückzugreifen.


Eine Studie von Cynthia V. Mason, einer Expertin für asiatische Kultur, ergab, dass der japanische Horrorfilm tiefere emotionale Ebenen anspricht, da er oft Themen wie Tod, Spiritualität und das Jenseits thematisiert. Diese Filme spiegeln die kulturelle Vorstellung wider, dass der Tod nicht das Ende, sondern Teil eines zyklischen Prozesses ist. Dies schafft einen anderen emotionalen Zugang zu den Filmen, da sie nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als Reflexion über das Leben und den Tod betrachtet werden.


Westliche Horrorfilme: Schock und physische Gewalt


Im Gegensatz dazu neigen westliche Horrorfilme, insbesondere in den USA, dazu, den Fokus stärker auf physische Gewalt und Schockeffekte zu legen. Filme wie „Halloween“ oder „Friday the 13th“ setzen auf blutige Morde und Verfolgungsjagden, um das Publikum in Angst zu versetzen. Diese Filme sprechen eher die unmittelbaren, instinktiven Ängste des Publikums an und zielen darauf ab, den Adrenalinspiegel durch direkte Schockmomente in die Höhe zu treiben.


Die Vielfalt des Genres: Subgenres im Horror


Horror ist keineswegs ein einheitliches Genre. Es gibt zahlreiche Subgenres, die unterschiedliche psychologische Bedürfnisse ansprechen:


  • Psychologischer Horror: Filme wie „Psycho“ und „Midsommar“ setzen auf innere Konflikte und die Zerbrechlichkeit der menschlichen Psyche. Sie erzeugen Angst, indem sie den Verstand der Zuschauer herausfordern und oft unklar lassen, was real und was Einbildung ist.


  • Übernatürlicher Horror: Filme wie „The Conjuring“ oder „Insidious“ spielen mit der Angst vor dem Unbekannten und nutzen Geister, Dämonen und übernatürliche Wesen, um Schrecken zu erzeugen.


  • Slasher: Diese Filme, wie „Halloween“ und „Scream“, setzen auf blutige Morde und die Jagd nach den Protagonisten, um Spannung und Nervenkitzel zu erzeugen.


  • Folter-Horror: Filme wie „Saw“ oder „Hostel“ gehen an die Grenzen der Darstellbarkeit von Gewalt und Leid und fordern den Zuschauer mit extremen Szenen heraus.


Warum manche Menschen Horrorfilme meiden


Während einige den Nervenkitzel von Horrorfilmen lieben, gibt es ebenso viele, die diese Art von Filmen absolut meiden. Menschen, die stark auf emotionale Reize reagieren, finden Horrorfilme oft zu überwältigend und stressig. Eine Studie von Stuart Fischoff zeigte, dass Personen, die Horrorfilme ablehnen, häufig höhere Werte bei Neurotizismus aufweisen – einem Persönlichkeitsmerkmal, das mit emotionaler Empfindlichkeit und Angst verbunden ist. Für sie bieten Horrorfilme keinen Nervenkitzel, sondern lösen echtes Unbehagen aus.


Auch Menschen mit starker Empathie tendieren oft dazu, Horrorfilme zu vermeiden, da sie sich zu stark mit den leidenden Charakteren identifizieren und die negativen Emotionen intensiver erleben.


Horrorfilme als Spiegel der menschlichen Psyche


Die Faszination für Horrorfilme ist ein komplexes Phänomen, das tief in unserer Psychologie verwurzelt ist. Sie bieten eine Möglichkeit, Angst in einem sicheren Umfeld zu erleben, und dienen vielen als emotionales Ventil oder Katharsis. Doch nicht jeder teilt diese Leidenschaft – und das ist auch in Ordnung. Horrorfilme spiegeln die menschliche Natur in all ihren Facetten wider, sei es die Suche nach dem Unbekannten, der Reiz des Schreckens oder die Auseinandersetzung mit tiefen, existenziellen Ängsten. So faszinierend das Genre auch ist, es bleibt letztlich Geschmackssache – eine Frage von Persönlichkeit, Kultur und emotionaler Toleranz gegenüber dem Unheimlichen.


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